Es gibt Momente im Leben, von denen man sich wünscht, dass sie nicht so schnell vorbeigehen. Dass man sie länger und länger genießen darf. Ich glaube, einen solche Moment haben die Ballettfreunde am 30. April im Balletthaus erlebt.
John Neumeier, zu dessen Leben und Werk man nichts mehr schreiben muss, hatte sich bereit erklärt, exklusiv für die Ballettfreunde eine Arbeitsprobe zu „Endstation Sehnsucht“ zu leiten. Angekündigt war ein kurzes Gespräch mit Dramaturgin Julia Schinke und anschließend ein Probedurchlauf mit der Compagnie.

Julia hatte sich sicher – wie immer – bestens vorbereitet und eine Vielzahl von Fragen notiert. Doch das war gar nicht notwendig. Schon die erste Frage nutzte John Neumeier, um sich direkt an die Ballettfreunde zu wenden und ihnen ausführlich den Prozess zu schildern, der zu seiner Choreographie von „Endstation Sehnsucht“ geführt hat. Man spürte körperlich, wie er die zahlreich Anwesenden mit seiner spannenden Erzählweise in den Bann zog. Er war nicht zu stoppen; was aber auch niemand gewollt hätte. Die vorgesehene Gesprächszeit wurde weit überschritten.
Er unterbrach mehrfach die Probe, um sich wieder den Ballettfreunden zuzuwenden und choreographische Abläufe zu erläutern. Und so wurde der Abend eine Einführung in das Werk aus erster Hand, nämlich der des Choreographen selbst. Nur über das Ende des Stücks wollte John Neumeier nicht reden. Hier stoppte er auch den Durchlauf der Probe. Begründung:
„Wenn Sie wissen wollen, wie das Stück endet, müssen Sie die Vorstellung besuchen.“

Kurzinfo zum Stück:
„A streetcar named Desire“ – so der Originaltitel – wurde von Tennessee Williams 1947 geschrieben. Es wurde 1948 am Broadway uraufgeführt und 1951 mit Marlon Brando und Vivien Leigh verfilmt. Elia Kazan führte Regie am Broadway und beim Film.
Erzählt wird die Geschichte von Blanche DuBois, die im Herrenhaus einer Plantage gelebt hatte, nun verarmt ist, aber an ihren überkommenen Südstaatenwerten festhält. Sie kommt nach New Orleans, um bei ihrer Schwester Stella einzuziehen, die mit dem Macho-Ehemann Stanley in einer bescheidenen Wohnung lebt. Stella und Stanley unterhalten eine sehr erotische, nicht immer gewaltfreie Beziehung. Der vulgäre und brutale Stanley verkörpert eine andere, Blanche unbekannte Welt, die Arbeiterwelt der Großstadt. Es entstehen unlösbare Konflikte zwischen den unterschiedlichen Werten und Welten der Personen. Blanche lebt in einer Welt zwischen Erinnerung, Traum und Realität. Stanley vergewaltigt sie schließlich. Theaterstück und Film enden damit, dass sie in eine „Irrenanstalt“ gebracht wird.

John Neumeier hat die Choreographie 1983 für das Stuttgarter Ballett und speziell für die Tänzerin Marcia Haydée (in der Figur der Blanche) entwickelt. Er schilderte den Ballettfreunden, dass er den Film schon als junger Mann gesehen habe. Der Film sei wie ein Samen gewesen, der sich in ihm gepflanzt habe. Er speichere ihn beeindruckende Dinge, die dann in seinem Herzen und seinem Kopf heranreiften, bis er ihnen ein „neues Leben“ geben könne.
Tennessee Williams habe mit „Endstation Sehnsucht“ einen poetischen Text geschrieben, der zwar den Realismus auf die amerikanischen Bühnen gebracht habe, der aber viele Ebenen und Schichten enthalte, die man ohne Worte, also durch Tanz darstellen könne. Der Tanz aber habe Grenzen. Er könne nur in der Gegenwartsform sprechen. Das Tanzvokabular sei nicht in der Lage darzustellen, was gestern passierte oder in der Zukunft passieren werde.
In den Arbeitsnotizen von Elia Kazan, der als Regisseur eng mit Tennessee Williams zusammengearbeitet hatte, fand Neumeier den Satz, dass man die Entwicklung von Blanche nur verstehen könne, „wenn man die Auswirkungen ihrer Vergangenheit auf ihr gegenwärtiges Verhalten“ erkenne.

Um das choreographisch umzusetzen, habe er in seinem Werk mit dem Ende des Theaterstücks begonnen. Er habe die „Endstation“ an den Anfang gesetzt. Blanche ist in der „Irrenanstalt“ und man sieht im ersten Teil des Stücks, wie sie dort die Geschehnisse noch einmal erlebt/erinnert/erträumt, die zu ihren Verlusten und ihrer Verarmung geführt haben. Im zweiten Teil wird dann gezeigt, wie sie in New Orleans eintrifft und zu Stella und Stanley in deren enge und heruntergekommene Wohnung zieht.
Im Theaterstück und im Film vergnügen sich Stanley und seine Freunde abends mit Bowling und Kartenspielen. Weil sich diese Arten des Zeitvertreibs tänzerisch kaum umsetzen lassen, entschied sich John Neumeier für eine Boxszene. Um den Boxkampf choreographieren zu können, hat er eigens Boxunterricht genommen.
Neumeier hat nicht nur die Choreographie geschaffen, sondern auch das Bühnenbild und die Lichtgestaltung. Um sich dafür inspirieren zu lassen, ist er nach New Orleans gereist.

„Ich habe viele Orte aufgesucht, die Tennessee Williams besucht hat. So etwa den Athletic Club von New Orleans, in dem es einen großen Kronleuchter gab, den man als Zitat in meinem Ballett sehen kann. Aber mehr als die Objekte war es die Dynamik dieser Stadt, die mich beeindruckt hat. Es war im Sommer und unendlich heiß. Eine Hitze, die großen Eindruck auf mich gemacht hat. Alle Häuser besaßen Ventilatoren und die Fenster hatten Lamellenvorhänge, durch die das Sonnenlicht streifenförmig in die Räume fällt. Das spielt eine wichtige Rolle für das Bühnenbild, weil das Seitenlicht, das den Körpern der Tänzer eine schöne Kontur gibt, immer in Linien geschnitten ist, als ob es durch einen Lamellenvorhang kommt.“
Im zweiten Teil sieht man auf der Bühne ein großes Bett, das die die Wohnung symbolisiert, in der Stanley und Stella mit Blanche leben. Die Stadt wird dargestellt von Tänzern und Tänzergruppen, die sich um dieses Bett herum bewegen. Das dynamische und laute Leben der Stadt durchflutet also ständig die enge Wohnung.

Die Geräuschkulisse der Stadt erlebte John Neumeier bei Besuchen des berühmten Kneipenviertels:
„Wenn man die Bourbon Street im French Quarter entlanggeht, hört man aus den Bars und Restaurants sehr laute Musik und wenn man weitergeht, verblenden sich die Musiken zu einer kakophonischen Mixtur von Konfusion.“
Und so hört sich die Musik an, die er für den zweiten Teil der Choreographie gewählt hat: die 1. Sinfonie von Alfred Schnittke (1934-1998).
„Es ist fast wie ein Wunder. Ich hatte von einem Freund ein Tonband mit Musik von Alfred Schnittke bekommen. Ich war in meinem Büro in Hamburg und habe begonnen, die 1. Sinfonie von Schnittke zu hören. Nach nicht einmal fünf Minuten bin ich zu meinen Mitarbeitern gegangen und habe gesagt: Das ist die Musik für Endstation Sehnsucht.“
Beim Durchlauf der Probe zeigte sich immer wieder, wie exakt Musik und Handlung dramaturgisch aufeinander bezogen zu sein scheinen. Hat John Neumeier die Sinfonie nachträglich verändert und sie an seine Choreographie angepasst? Er betont, dass er die Sinfonie nicht angetastet hat und sie so zu hören ist, wie sie uraufgeführt worden ist und wie Schnittke sie geschrieben hat.

„Man glaubt, dass ich diese Musik bearbeitet habe. Es gibt Momente, wo die Musik aufhört, etwas wiederholt wird oder etwas wie eine Störung in die Musik kommt und dramaturgisch haargenau auf die Geschichte passt. Eine Art Jazzimprovisation mit einem symphonischen Orchester, die zu einem absoluten Chaos führt. Die Musik hat mir geholfen, der Choreographie eine Form, eine Skulptur zu geben. Die Musik von Schnittke ist wie eine emotionale Klangkulisse, die eine Atmosphäre schafft, in der jeder Tänzer einer eigenen Choreographie folgen muss. Und – noch wichtiger – eine eigene emotionale Struktur bauen muss, die nicht unbedingt mit dem zu tun hat, was er hört. Klassische Musik arbeitet immer mit Phrasen und die Tänzer müssen diese Phrasen respektieren. Bei Schnittke gibt es keine Phrasen. Es ist ein fast nicht greifbarer Ozean an Klängen, in dem die Tänzer schwimmen. Aber man darf nicht schwimmen, weil das Publikum das merkt.“


Ob es der Compagnie gelingt, in der Musik Schnittkes zu schwimmen, ohne dass das Publikum dies bemerkt, werden wir sehen.
John Neumeier wurde von den Ballettfreunden mit großem Applaus und einem Blumenstrauß aus dem Studio 1 entlassen. Dank an ihn und an die Compagnie, die bei der Probe einiges zu leisten hatte. Ein großes Dankeschön geht auch an die Ballettdirektion und die Mitarbeiter des Balletthauses, die diesen Abend möglich gemacht haben.
Die Ballettfreunde konnten im Anschluss an die Arbeitsprobe bei Fingerfood und Getränken den eindrucksvollen Abend in Gesprächen ausklingen lassen, um dann – wer wollte und noch konnte – Zuhause beseelt in den Mai zu tanzen.
Text: Axel Weiss; Fotos: Daniel Senzek, Erich Kutzera